Donnerstag, 28. Juli 2011

Zweiundzwanzig Jahre

Das Gewalt in der Familie oder Gewalt gegen Partner gleich welcher Form ein Thema ist, mit welchem ich immer wieder konfrontiert werde und welches mich sehr stark beschäftigt, wissen die jenigen, die mich näher kennen.
Ein besonders krasser Fall begegnete mir in der Lebensgeschichte einer ehemals guten bekannten, mit der ich früher im gleichen Sportverein war und die ich vor rund 24 Jahren aus den Augen verloren habe. Als ich sie vor etlichen Wochen in einem sozialen Netzwerk wieder fand und ich ihr zum Geburtstag gratulierte, entwickelte sich ein reger eMail-Austausch zwischen uns, in dessen Verlauf ich auch ihre bisherige Lebensgeschichte erfuhr, die mich doch recht stark schockierte. Um es mir auch hier etwas einfacher zu machen, werde ich die Dame der Einfachheit halber einmal Susanne nennen.
Kurz nachdem wir uns seinerzeit aus den Augen verloren, lernte Susanne, damals 16 Jahre alt, ihren späteren Mann kennen, wie man so schön sagt, wohl die große Liebe, jedenfalls blieb sie mit ihm zusammen und heiratete ihn auch irgendwann. Sollte sie es mir je geschrieben haben, so ist es mir entfallen, wie viel später die beiden heirateten.
So weit so schön. So weit so nichts, was mit Gewalt zu tun hat oder Mißhandlung, auch nicht die Kinder, die vor 11, bzw. vor 9 Jahren geboren worden sind. Könnte also theoretisch die ach so schöne Musterbeziehung sein, die immer so gerne als Beispiel für das Funktionieren monogamer Beziehungen gesucht wird. Wenn dann nicht der entsprechende Ehemann angefangen hätte zu trinken. Ist mit ein Grund für das Scheitern der Beziehung, aber nicht der Einzige. Nachdem er anfing zu trinken folgten dann auch sehr schnell die üblichen Folgen, sein Einkommen allein reichte nicht um seine Sucht zu befriedigen. Die familiären finanziellen Rücklagen wurden angegriffen und aufgebraucht. Susanne, die ohnehin die ganze Zeit in Geringverdiener-Arbeitsverhältnissen parallel zur Erziehung der Kinder arbeitete, nahm einen zweiten und einen dritten Nebenjob an, um die Familie halbwegs über Wasser zu halten und letztendlich doch nur um die Sucht ihres Mannes zu finanzieren. Verbunden war das ganze mit permanenten Vorwürfen und Schuldzuweisungen ihres Mannes, daß sie dieses zu verantworten habe, sie wäre Schuld das sie nicht genügend Geld zur Verfügung hätten. Er hatte dann aber auch keine Probleme damit, trotz knapper Kasse gegenüber seinen Freunden und Bekannten immer wieder mit technischen Kinkerlitzchen protzen zu müssen, welche natürlich schneller, größer, besser sein mußten, als Entsprechungen, die seine Freunde oder Bekannten besaßen. Das kann natürlich dem Wohnort der beiden geschuldet sein, da dort eh nach dem Prinzip verfahren wird, der Schein ist alles.
Eine Steigerung erfuhr die Situation noch, als er, vermutlich durch seinen Alkoholismus auch noch Impotent wurde. Wieder etwas, für das er ihr irrationaler Weise die Schuld geben konnte. Zuerst wurde meine Bekannte auf diese Art und Weise psychisch systematisch und immer weiter fertig gemacht und ihres Selbstbewußtseins beraubt. Der Sexmangel läutete eine weitere Runde der Demütigung und Eskalation für meine Bekannte ein. Auf der einen Seite machte sie den Fehler, ihm das Angebot zu unterbreiten, eine weitere Frau mit ins Bett zu nehmen um ihr, wie sie sagte, eingeschlafenes Sexleben aufzupeppen, was er nicht als positiv sondern als Beleidigung auffaßte. Um sich selbst ein wenig Entspannung zu verschaffen, deckte sie sich bei einem bekannten Erotikversand mit ein paar Spielzeugen ein, welche er natürlich auch irgendwann fand. Auch dieses führte wiederum zu einer weiteren Eskalation des ganzen, sie mußte sich von ihm Beschuldigungen sie würde ihn betrügen und Beschimpfungen sie sei eine Hure und weiteres gefallen lassen, kein Wunder, daß ihr Selbstbewustsein dadurch weiter sank. Die nächste Stufe der Eskalation war quasi vorprogrammiert. Den verbalen Attacken folgten die physischen, irgendwann fing er an sie zu verprügeln. Diese ganze Zeit des Martyriums dauerte insgesammt 9 Jahre, bis sie endlich, nachdem sie mit Hilfe der Polizei und eines Nachbarn vor einer weiteren Prügelattacke ihres Mannes gerettet wurde, zu der Einsicht kam und die Kraft fand für sich und ihre Kinder, diese Beziehung zu beenden.
Die Folgen für meine Bekannte sind enorm. Trotz Gütertrennungsvereinbarung, dar sie ihr Haus verkaufen um ihren Teil der Schulden, die ihr Mann in der Zugewinngemeinschaft angesoffen hat abzuzahlen. Trotz Unterhaltsanspruch lebt sie, da der Unterhalt, wenn überhaupt nur sporadisch kommt, von Hartz IV. Sie darf also, wenn noch ein Resterlös vom Verkauf ihres Hauses übrig bleibt, dieses erst einmal aufbrauchen, bevor sie Sozialleistungen bekommt. Als gelernte Kauffrau im Einzelhandel sind in der Gegend in der sie lebt, die Chancen auf eine dauerhafte vernünftig bezahlte Festanstellung relativ gering. Will sie also irgendwie, irgendwann einmal wieder die Füße halbwegs auf den Boden bekommen, ist sie mehr oder weniger in dieser Gesellschaft dazu gezwungen sich wieder in irgendeine Abhängigkeit zu begeben.
Ich frage mich immer und immer wieder, was Frauen dazu bringt, eine solche Situation zu erdulden. Ich kenne die üblichen Entschuldigungen. Eigentlich ist er ja gar nicht so, wenn er nüchtern ist, ist er ganz anders. Es tut ihm Leid, daß er das getan hat, er hat sich bei mir entschuldigt und es wird nicht wieder vorkommen (Ja ist klar, bis zum nächsten mal) und mein absoluter und völlig unverständlicher Favorit in dieser unvollständigen Liste, ich liebe ihn doch.
Ist ja nicht so, daß dieses der erste Fall ist, den ich mitbekomme und es ist definitiv nicht so, daß bei jedem dieser Fälle Rauschmittel wie Alkohol im Spiel sind.
Angefangen bei meiner Frau die zweimal als Kind und einmal mit 18 sexuell mißbraucht wurde.
Über die ehemalige Bekannte, die von ihrem Verlobten erst geschwängert und dann mit der Begründung verlassen wurde: Der finanzielle Streß sei ihm zu groß.
Über die ehemalige Bekannte, die schwanger von ihrem betrunkenen Freund und Vater des Kindes, die Treppe herunter geprügelt wurde.
Über die junge Frau, die ich in der Krankenhausnotaufnahme kennengelernt habe und deren Freundin mir sagte, sie sei von ihrem Freund mit einem Staubsaugerrohr verprügelt worden.
Über....
Über....
Über....

Ich finde es immer wieder erschreckend, wie viele Frauen sich dies gefallen lassen. Wie leicht sie in solche Abhängigkeiten rutschen. Wie leicht sie sich ihr Selbstbewußtsein zerstören lassen, ohne dieses zu bemerken. Wie schwer es Ihnen dann fällt, sich wieder aus diesen Abhängigkeiten zu lösen. Wie sie es dann oft genug hinkriegen, nachdem sie sich aus der einen Abhängigkeitsbeziehung gelöst haben, sie sich direkt in die nächste Abhängigkeitsbeziehung begeben.
Es ist erschreckend und es tut weh, gäbe es doch Alternativen.

Was ich so im Netz Lese